EIN GESICHT UNTER TAUSENDEN

In Costa Rica begegnen Damaris und Marco unzähligen MigrantInnen aus Südamerika und der ganzen Welt, die alles riskieren, um Gewalt, Armut und politischer Instabilität zu entkommen. Der Weg Richtung USA führt durch den lebensgefährlichen Darién-Gap, einen unerschlossenen Dschungel zwischen Kolumbien und Panama. Durch fast alle Länder Mittelamerikas nach Mexiko – berüchtigt und äusserst gefährlich; voll mit korrupter Polizei und von Kartellen beherrscht. Entführungen, Erpressung und Gewalt gehören zum Reisealltag. Dennoch wagen viele die Route, geleitet vom Herzenswunsch nach Sicherheit und einer besseren Zukunft.

Begegnung am Strassenrand

Ein junger Migrant steht vor uns. Wir sind im Einsatz, begegnen Flüchtlingen auf der Strasse. Wer ist dieser Mann? Was hat er in seinem jungen Leben erlebt? Warum ist er jetzt hier? Was sollen wir für ihn tun? Wie ihm helfen? Wären wir doch Millionäre, wir würden jedem und jeder…

«Wie heisst du?» «Luis.» «Woher kommst du?» «Venezuela!» «Wie alt bist du?» «Ungefähr 18. Oder doch 19?» «Wie war der Darien? (Eine zirka 100 km lange und sehr gefährliche Dschungelstrecke zwischen Kolumbien und Panama.) Wie lange warst du unterwegs? Wurdest du ausgeraubt oder bedroht?»

Standardfragen, die wir fast allen MigrantInnen stellen, die von Südamerika Richtung USA ziehen. Und davon sahen wir in den letzten drei Jahren Tausende. Wir zählten über 40 Nationalitäten. Der grösste Teil kommt aus Venezuela, daneben viele aus Kolumbien und Ecuador.

Wir helfen, wo wir können: mit Essen, Kleidung, Schuhen, Sonnenhüten, manchmal mit Handyguthaben oder Medikamenten. Und mit der Bibel, Traktaten, Gebet und offenen Ohren, wenn sie uns ihre tragischen Erlebnisse oder gerade ihr ganzes Leben erzählen. Viele sind traumatisiert, erschöpft, hungrig, durstig, schmutzig.

Nicht so Luis. Dieser junge Mann scheint mit allen Wassern gewaschen zu sein. Kein Wunder, wurde er doch schon mit 14 von Zuhause «losgeschickt», um im Ausland Arbeit zu finden und Geld heimzuschicken. Er lebte viele Jahre allein in Kolumbien, Ecuador, Peru, Chile. Überall knapp am Überleben, viel mehr auch nicht. Jetzt will er, wie unzählige andere, in die USA. Nach ein paar Wochen sehen wir ihn nicht mehr. Weitergereist. Wie so viele andere auch. Was wohl aus ihm wurde?

Wiedersehen.

«Damaris schau mal – ist das nicht Luis?» Diese Frage stellten wir uns einige Monate später, am selben Ort, wo wir unsere Strassengottesdienste abhalten. «Ja klar, das ist er!» «Luis, was machst du hier?»

Der Traum USA hat sich zerschlagen. Luis kam nicht hinein und wurde in Mexiko an die Südgrenze verfrachtet. Mehrmals. Jetzt lebt er wieder hier, irgendwo im Ghetto. Bei zwielichtigen Leuten. Wir sind bestürzt.

Wir entscheiden uns, ihm mit der Rückkehr nach Venezuela zu helfen. Damaris verbringt Stunden und Stunden mit Abklärungen, Informationen zu sammeln, Möglichkeiten abzuwägen, die Botschaft zu kontaktieren, Flüge, Busse und Unterkünfte zu suchen.

Zurück ins Ungewisse

Einige Wochen später ist so weit. Er reist illegal nach Nicaragua und geht dort auf die venezolanische Botschaft. Er bekommt die nötigen Papiere. Kurz darauf fliegt er über Umwege nach Venezuela. Und wird gleich bei der Ankunft verhaftet. Ein übles Gefängnis mit unmenschlichen Zuständen.

Das darf doch nicht wahr sein! HERR, was soll das? Gott sei Dank kommt Luis nach ein paar Tagen frei. Jedoch muss er eine Busse bezahlen, weil er das Land als Minderjähriger verlassen hatte.

Drei Monate lang musste er der örtlichen Polizei Druckerpapier und Tintenpatronen bringen – eine Spiegelung des korrupten Systems. Wir übernehmen die Kosten. Er hätte dies niemals vermocht. Selbst mit einem festen Einkommen ist das Leben in Venezuela kaum möglich. Ohne Einkommen, wie bei Luis, unvorstellbar schwer.

Nicht nur seine Mutter und Schwester warteten auf Luis Rückkehr, sondern auch sein vierjähriger Sohn, von dem wir nichts wussten. Eine Mutter «gibt es nicht». Die Grossmutter erzieht den Kleinen.

imb.org


Venezolanische Flüchtlinge zu Fuss unterwegs Richtung USA.
(Bild imb.org)

Heimkehr ohne Ankommen

Jetzt ist Luis seit vielen Monaten zurück. Er hat keine Arbeit, keine Perspektive, kein Einkommen. Immerhin besucht er eine christliche Gemeinde. Viele dort beteten für ihn, als er weg war. Ein Happyend? Leider nicht. Jesus ist noch nicht zu Luis‘ Herz durchgedrungen. Wir hoffen und beten weiter!

Mehrmals fragte ich Luis, was er gerne werden wolle. Es kam keine Antwort. Sich Gedanken über seinen Beruf zu machen, ist irgendwie zu fern, zu utopisch. Überleben ist die Devise.

Er ist doch noch so jung! Er könnte doch noch etwas lernen, damit er nicht sein Leben lang ein Hilfsarbeiter bleiben muss.

Hoffnung.

Vor ein paar Tagen erhielten wir ein WhatsApp von Luis. Er sei mit einer Gruppe von Venezolanern unterwegs nach Ecuador. Ein Verwandter könne ihnen Arbeit auf dem Bau vermitteln. Mehrtägige Busreise. Illegale Grenzübertritte.

Wie wird sein Leben weitergehen? Nur Gott weiss es. Doch eines sind wir gewiss: Egal, wie gebrochen oder chaotisch das Leben eines Menschen aussehen mag, es gibt nichts Wichtigeres und Besseres, als Jesus Christus kennenzulernen und ihn als Herrn und Retter anzunehmen. Er allein verändert Gegenwart, Zukunft und Ewigkeit! So beten wir weiter für Luis.

Und wir sind weiter da für Menschen auf der Flucht. Menschen, die sich nach Besserem sehnen. Und wir helfen, wo und wie wir nur können. Mit Gottes Hilfe. Im Vertrauen darauf, dass Gott ihre Wege kennt, sie berührt und in seinen Frieden hineinzieht.

Wenn die Hoffnung vor dir gestorben ist und die Hoffnung hinter dir im Land deiner Herkunft nichts Gutes verspricht, woher willst du die Kraft nehmen, weiterzumachen? Wir kennen nur eine Antwort: Jesus Christus!

Marco und Damaris

Damaris und Marco Chilese

Damaris und Marco leben seit 2021 in Costa Rica. Sie begegnen täglich traumatisierten MigrantInnen (vor allem Venezolaner) und unterstützen sie mit Nahrung, Kleidern und Medikamenten. Durch das Teilen von ihrem Glauben schenken sie Hoffnung und Zuversicht an die Menschen auf der Flucht. Jeden Sonntag organisieren sie einen Freiluftgottesdienst für Kinder und Erwachsene.

#SMG, Projekt 158501 - Unterhalt Chilese D. und M.

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