Im «Lost & Found» findet Miriam ihr verloren gegangenes Handy und sieht darin viele Parallelen zu ihrem Einsatz: Dass Jesus verlorene Menschen erreicht, aber auch wie Miriam in ihrem Dienst Flüchtlingen helfen kann, verloren geglaubte Familienangehörige aufzuspüren. In der persönlichen und vielseitigen Begleitung erlebt sie immer wieder, wie Gott ein Meister im Finden ist.
Mein Zug hält am Wiener Hauptbahnhof. Ich steige aus. Die Türen schliessen. Ein Griff in die Manteltaschen – wo ist mein Handy?! Unmöglich, die Türen noch einmal zu öffnen.
Was, wenn jemand meinen Code herausfindet? Mein Handy für Anrufe in die ganze Welt verwendet? Sich freut, ein schönes rotes Smartphone zu haben? Und meine Kontakte? Die Gedanken schwirren.
Herr, hilf! Ich bete. Schliesslich kennt sich mein Gott mit «Lost & Found» ja gut aus. Ich erinnere mich: Öfter mal habe ich etwas verlegt, gebetet und auf wunderbare Weise die Sache wieder gefunden. Doch nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen. Ja, wie auch ich: Ich war verloren. Und Jesus hat mich gefunden! DAS Geschenk meines Lebens!
So wähle ich, Gott zu vertrauen und mein Handy in seinen Händen zu lassen. Tatsächlich, im Verlauf des Tages werde ich ganz ruhig.
Auf der Heimreise frage ich den Schaffner, was er jeweils macht, wenn er im Zug ein Handy findet. Ich erkläre ihm, dass ich in einem Zug von Baden nach Wien mein Handy liegen gelassen habe. Er fragt: «Wie schaut es denn aus?» «Rot mit roter Lederhülle.» Er schaut mich an und sagt ganz ruhig: «Ich habe Ihr Handy gefunden.» «Wirklich?»
Vier Tage später halte ich das Handy wieder in meinen Händen. Gott sei Dank! Unser Herr kümmert sich um Verlorenes.
Zwei Nachrichten in dieser Zeit erinnerten mich, wie Jesus Verlorenes findet. Eine E-Mail von Milena erreichte mich mit den Worten: «Dank dir kennen wir Jesus und sind dir ewig dankbar!»
Milena war vor etwa 35 Jahren Flüchtling in Österreich. Sie kam als Armenierin aus dem Iran und übergab ihr Leben Jesus durch unseren Dienst. Heute ist sie verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Kalifornien.
Am gleichen Tag schrieb mir Esther* (Name geändert) eine Nachricht mit den folgenden Worten: «Ich werde dich in meinem Leben nie vergessen, Gott hat dich benutzt, um meine Familie zu finden, mögest du erneut gesegnet sein, meine Schwester Miriam.»
Ihre Geschichte ist sehr berührend. Die Frau kam vor über 14 Jahren, kurz vor Weihnachten, mit ihrer fast zweijährigen Tochter aus der Republik Kongo nach Österreich. Ich «fand» sie beim Weihnachtsgeschenke verteilen. Im Laufe der Zeit lernte ich sie besser kennen und verstand, dass sie ihre Familie, ihren Mann und drei Söhne buchstäblich verloren hatte. In ihrem Heimatland waren sie alle in der Kirche versammelt, als Rebellen kamen und sie auf furchtbarste Art bedrohten. Alle, die konnten, flohen. So verloren sich ihre Wege. Esther und ihre kleine Tochter landeten mit Hilfe von «Engeln» (eine Italienerin, die die komplizierte Ausreise ermöglichte, sowie weitere hilfsbereite Personen) in der Flüchtlingspension, in der ich Menschen begleiten darf.
Als sie ankamen, hatten sie keine Winterkleider und schmerzende, kaum durchblutete, nicht warm werdende Füsse. Aber schlimmer war die Ungewissheit: «Wo ist meine Familie?» Ich fragte Esther, ob sie sich mit E-Mails auskenne. Sie verneinte. Beim nächsten Treffen meinte sie, sie könne sich an die E-Mail-Adresse ihres Mannes erinnern. Ich schrieb ein Nachricht an die besagte Adresse. Mir war bewusst, dass es gefährlich war und hatte keine Ahnung, was passieren würde. Ich schrieb: «Mein Name ist Miriam und ich habe eine Frau – Esther – mit einer kleinen Tochter kennengelernt. Kennen Sie vielleicht jemanden, der so heisst?» Bange Tage folgten. Nach einiger Zeit bekam ich ein E-Mail: «Kann es sein, dass Sie meine Frau meinen? Leben sie?»
Auf wunderbare und schwierige Weise begannen wir miteinander zu kommunizieren. Einige Jahre später, auf gottgeführte Art, gab es eine Familienzusammenführung in Österreich! Ein Bildnis dafür, dass Gott Verlorenes wieder zusammenbringt.
In meiner Arbeit erlebe ich viele «Lost & Found»-Geschichten. Manche sind voller Freude, wenn Menschen nach langer Zeit wieder mit ihren Angehörigen vereint werden. Leider gibt es auch traurige Schicksale. So denke ich an den verschollenen Vater einer afghanischen Familie, der trotz zahlreicher Versuche die Flucht zu seiner Familie in Österreich nicht geschafft hat.
Mir liegt am Herzen, dass wir ein weiches Herz für Menschen entwickeln und bewahren. Besonders für Menschen, die Zuflucht suchen. Ich wünsche mir, dass sie Hoffnung und eine Perspektive finden und dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Solche Begegnungen sind unglaublich bereichernd und wertvoll – für alle Beteiligten.
Lukas 19,10 sagt «…der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.» Das steht immer noch fest. Ich freue mich, dass ich in Seinem Dienst stehen und Flüchtlinge persönlich und vielseitig begleiten darf. Auf das Wiederkommen von Jesus blicke ich hoffnungsvoll. Dann wird Gottes Suche vollendet sein.
Miriam Müller
Seit 1988 ist Miriam in Österreich. Was als Zwischenjahr begann, wurde zum Ort und Arbeitsfeld «ihres Herzens». Sie begleitet Flüchtlinge, Menschen im Asylverfahren wie auch nach dem Asylentscheid. Kinder und Erwachsene unterstützt Miriam aktiv dabei, in ihrem neuen Umfeld Fuss zu fassen und Hoffnung zu schöpfen. Im Laufe der Zeit hat sie eine besondere Liebe für Persisch sprechende Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan, sowie das jüdische Volk bekommen. Der Himmel in Niederösterreich, wo sie wohnt, wirkt durch die Ebenheit gross und zeigt ihr Gottes Grösse auf wunderbare Art.